Nennen wir sie Moran und verraten dabei nicht

ob es sich hier um ihren wirklichen Namen handelt. Jedenfalls war es Moran, die im Mai 2015 in Köln diesen im vorherigen blog erwähnten Satz von sich gab: „I have a german background, but honestly …“. Diesen Satz hatte Moran nicht beiläufig, aber eher still, fast so als wolle sie die gute Stimmung der Runde nicht trüben, gesagt. Diese saß gerade bei einem ausgezeichneten Glas Eiswein (nicht Kölsch, und das in Köln!) auf sperrigen Bänken, die zu einem Weinmarkt gehörten, der – wie kann es anders sein in Köln, nur von wenigen Besuchern frequentiert war.

Auch wenn es nicht hierher gehört, muss es dennoch mal gesagt werden dürfen: wer in Köln Wein trinkt, outet sich entweder als Ausländer, Immi (Kölner Bezeichnung für Zugezogene) oder Kölner, der sich für etwas besseres hält.

Die mit dem german background, also Moran, stach ein wenig aus der Runde mit den vier israelischen Frauen. Vielleicht weil sie stiller war, vielleicht weil Ihr Blick tief und konzentriert wirkte. Vielleicht, weil sie zurückhaltender und ernster schien.

Schnitt.

Zwei Wochen später erreichte an einem Freitagabend gegen 22 Uhr iLANOT eine Mail mit folgendem, etwas korrigiertem Inhalt:

„Good evening, Karlsruhe_jued_Friedhof_1

Hope you remember me, Moran, I was with the girls in koln last month.
(Excuse me for
the bad English …)

First of all I want to thank you for the charming tour and interesting explanations. I enjoyed very much and I think you’re a special woman, full of love for the Jewish people.

I would be delighted if you could help me find out some information about my mother’s family.

I want to know how they died in the Holocaust … I also want to find the house where they lived in Karlsruhe.
And even maybe to fi
nd relatives we did not know …

The family name is Adler my grandmother called in Germany Berta She immigrated to Israel in 1938. She has another sister, but I don’t know what was her name in Germany (I can find). She immigrated to Israel as well.

Bertha’s parents called Aliza and Zigmund. Both were murdered in the Holocaust.
I think I wrote the names with misspellings, I think you write it different in German.

I would be delighted if you could help me.

Thank you and good night.
Moran“

Und wie die Leidenschaft von iLANOT in solchen Fällen vorgibt

folgte dieser Mail ein ca. 48-stündiger Recherche-Marathon, unterbrochen nur von den üblichen menschlichen Bedürfnissen – auch deswegen, weil Moran in einer nachfolgenden Mail mitteilte, dass ihre Eltern in wenigen Tagen zu Besuch nach Deutschland kämen. Und, weil (auch wenn es kitschig klingen mag) bei solchen Anfragen das Herz von iLANOT blutet.

So geschehen: noch vor Sonntagabend erhält Moran per Mail einen Stammbaum, in dem ihre Großeltern, deren Eltern und ein Enkel eines Bruders der Großmutter genannt sind. Letzterer lebt in den USA und da dieser gerade auf Geschäftsreise in China weilt, kann iLANOT ihn nicht erreichen. Aber seine Ehefrau, die ganz perplex, aber erfreut auf den Anruf reagiert.
Am Dienstag schon erhält iLANOT einen Anruf vom Stadtarchiv in Karlsruhe und kurz darauf alle Urkunden (kostenfrei!) aus dem Standesamt in Karlsruhe – die eigentlich noch unter der üblichen Sperrfrist für Personenstandsunterlagen liegen.

Morans Urgroßeltern lebten zwischen 1918 und 1941 insgesamt an fünf Adressen in Karlsruhe – großväterlicherseits kam die Familie aus einem Kaff in Hessen und -mütterlicherseits aus ebensolchem der Pfalz.
Die Mails und Anrufe gehen in den kommenden Tagen geschwind hin und her – Archive, Genealogen, Standesämter, Moran und iLANOT. Yad Vashem, eine Datenbank zu Wiedergutmachungsakten und das Gedenkbuch zu Opfern des Holocaust werden durchwühlt. Die Familie in Israel wird hautnah via WhatsApp informiert.

Schnitt.

Die Eltern sind längst in Deutschland gelandet und da es heiß ist, werden sie wenigstens ihr Wetter in Deutschland nicht vermissen. Mit Moran wird ein Treffen in Karlsruhe verabredet, um gemeinsam den Spuren der Familie nachzugehen. Der Zug aus Köln hat über eine Stunde Verspätung. Eigentlich ein Grund des Ärgernisses – aber (zugegeben) nicht, wenn am anderen Ende Israelis warten. Da kommt Erleichterung auf: Deutschland ist eben doch nicht perfekt. Wie gut.

Dann das erste Aufeinandertreffen

Beide Seiten sind aus unterschiedlichen Gründen aufgeregt. Bestimmt. Und dennoch ist die Begrüßung herzlich – auf eine sehr berührende Art still und zurückhaltend. Alle sind sich ja noch fremd, sehr fremd. Und niemand weiß vom anderen, was ihm dieses Treffen bedeutet – welche Gefühle das Atmen kürzer macht.
Mit dem Auto, in der einen Hand den Stadtplan von Karlsruhe und in der anderen alle Adressen der Familie, geht es dann durch die ehemals badische Residenzstadt. Schön anzusehen, besonders weil am Ende dieser Tour festgestellt werden kann, dass keines der Häuser zerstört worden ist.

Allmählich setzt sich die Geschichte dieser Familie wie ein Puzzle zusammen:

Karlsruhe_jued_Friedhof_2Morans Großmutter und deren Schwester wurden in Karlsruhe Anfang der 20er Jahre geboren. Die Eltern, Elisabeth und Siegmund kamen jeweils aus einer großen Familie. Die Eltern Landwirte, einfache Bauern oder Handel Treibende. So genau konnte dies noch nicht recherchiert werden. Die Eltern von Elisabeth machten sich um die Jahrhundertwende aus wirtschaftlichen Gründen aus der Pfalz auf in die Großstadt Karlsruhe. Weshalb der Urgroßvater Siegmund nach Karlsruhe kam, ist nicht bekannt. Die beiden, Siegmund und Elisabeth, scheinen sich in Karlsruhe kennen gelernt zu haben. Es wurde geheiratet und kurz aufeinander folgten die Töchter: Bertha und Karolina.

Siegmund betrieb ein kleines Geschäft mit Schweißmaschinen. Anhand der wechselnden Adressen schien es immer wieder finanzielle Schwierigkeiten gegeben zu haben. Ab 1933 ging es kontinuierlich bergab. Siegmund wurde schon früh in „Erzwingungshaft“ in Dachau genommen – so wollten die Nazis damals die Juden (noch) zur Auswanderung bewegen. Nach 14 Tagen kam er zwar wieder frei – aber wohl mit dem Bewusstsein, dass eine sichere Zukunft in Deutschland nicht mehr gegeben war. Er und seine Frau beantragten sofort für sich und die Töchter Reisepässe auf dem Polizeipräsidium ihrer Heimatstadt. Es dauerte geschlagene 5 Jahre, bis den Töchtern diese ausgestellt wurden – die Eltern erhielten ihre erst ein Jahr später – zu spät. Da war eine Ausreise nicht mehr möglich.

Bertha und Karolina reisten im März 1938 mit der „Youth Aliya“ nach Palästina und sahen ihre Eltern nie wieder – diese wurden via Gurs nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Schnitt.

Morans Mutter, die Tochter von Bertha, äußerte sich während der Tour durch Karlsruhe kaum. Still, ihre Gefühle für sich behaltend, in kleinen Schritten sich vorwärtsbewegend. Sie wirkte beladen oder wie ein Nicht-Schwimmer am Beckenrand eines großen Pools. Erst nach und nach wurde klar weshalb.

I have a german backround, but honestly …
Ihre Mutter Bertha hatte, wie in dieser Generation von Überlebenden oder „Davon-Gekommenen“ üblich, nichts erzählt. Außer den Namen der Eltern und vielleicht noch, wie sie nach Israel gekommen war. Nichts. Einfach nichts.
Und nun, um in dem Bild zu bleiben, tapste Morans Mutter angerührt, fast unbeholfen, interessiert , erinnerungsüberwältigt und von ihren eigenen Gefühlen eingenommen durch die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großeltern. Hin und wieder eine erkennbare Regung; ein stärkeres Schauen, ein Achselzucken, ein Blinzeln, eine kurze Nachfrage: „Here?“, als könne sie es nicht glauben, dass ihre Mutter vor 80 Jahren diesen oder diesen Weg zur Schule gegangen sei.

Auf dem jüdischen Friedhof, nachdem alle bekannten Adressen der Familie bestaunt und fotografiert wurden, war das Grab der Ur-Ur-Großeltern von Moran das nächste Ziel. Wie wichtig das sein würde, zeigte sich bald. Übrigens starben beide – ברוך שם eines natürlichen Todes: 1936 und 1939.
Der Friedhof, überraschend gepflegt und dennoch ursprünglich mit alten zugewachsenen Gräbern, verborgen unter Moos und viel Grün. Ein freundlicher Mitarbeiter weist den Weg.

Nun machen sich vier Menschen daran, Reihe für Reihe abzuschreiten, über umgekippte Steine zu steigen, deren Inschriften wichtige Informationen auf das jeweilige Jahr der Beisetzung geben.
Dann ein Schrei: „Here it is!“ Und tatsächlich – ein offensichtlich gerade geputzter, schulterhoher Stein mit den Inschriften von Salomon und Augusta Westheimer.
Dann….. Stille.

 

Aus einer mitgebrachten Tüte stellt Morans Vater Gedenklichter aus Israel rechts und links auf den Grabstein. Steine werden gesammelt und daneben gelegt.

Dann….. Stille.

Karlsruhe_jued_Friedhof_3

Dann.

„Hier stand auch meine Mutter als sie 14 Jahre jung war. Sicherlich. Zur Beerdigung ihres Großvaters.“

Morans Mutter war in der Geschichte ihrer eigenen Mutter angekommen.

Euer iLANOT