Mehr als eine Schreibmaschine

Sein Traum, sagt Boaz, sei einmal in seinem Leben für mindestens ein Jahr in Deutschland zu leben. Er liebe die deutsche Ordnung, die Pünktlichkeit, dass niemand auf den Straßen hupt wie es ihm gerade gefällt, die Höflichkeit und dass Menschen sich im Supermarkt in die Reihe stellen. Seine Augen leuchten tatsächlich, wenn er von Deutschland spricht, wo er jedes Jahr im Sommer mit seiner Frau seinen Urlaub verbringt. Sogar Roni, die 19-jährige jüngste Tochter von Boaz und Lior bestätigt durch heftiges Nicken auch ihre eigene Vorliebe für Deutschland. „I love Spatzle!“

How can it be?

Vieles in Israel kann überraschen – doch es bleibt immer ein „Mysterium“ auf Israelis zu treffen, die nicht nur von Deutschland schwärmen, sondern auch dieses unser Land als Heimat ihrer eigenen Wesensart bezeichnen. Dazu gehört Boaz und dazu gehörte auch sein verstorbener Vater Chaim. Und beide, Chaim und Boaz haben die restliche Familie mit einer Art Verehrung für das, was man die typisch deutschen Tugenden nennt, angesteckt.
Vielleicht wäre das gar nicht so überraschend oder erwähnenswert, wenn nicht der Vater von Boaz im Alter von 15 oder 16 Jahren mit seiner Mutter und zwei Schwestern aus einem kleinen Dorf (heutiges Weiß-Russland) nach Auschwitz deportiert worden wäre. Der Vater wurde vor der Deportation auf offener Straße vor den Augen der Familie erschlagen. Außer Chaim hat niemand überlebt.

Chaim hat seinen in Israel geborenen Kindern (Boaz und seiner Schwester) gelehrt, dass das eigene Schicksal, das eigene Leid weder auf die eigene noch auf die Nachkommenschaft der Täter zu übertragen ist. Chaim hat nicht vergeben oder verziehen, was die Deutschen ihm und seiner Familie angetan haben, aber er hat mit einer tiefen menschlichen Weisheit unterschieden: zwischen den Tätern und dem Deutschland danach und zwischen sich und seinen Kindern. Er hat weder Hass noch Ablehnung in seine Kinder gepflanzt und sie dadurch eben nicht non-verbal aufgefordert, sein eigen erlittenes Leid weiter zu leiden. Wie vielen Kindern der 1. und auch noch der 2. Generation in Israel ist es aber so ergangen: bis heute leiden Enkel und Ur-Enkel das Leid ihrer Großeltern weiter und wissen nicht, sind sich nicht klar darüber, was eigentlich Grund ihrer persönlichen „Miesere“ ist.

Sein Reich

Mit Boaz und Lior am Abend auf deren Terrasse zu sitzen und Gedanken auszutauschen, gehört zu den besonderen Augenblicken. Die Feuerhitze des Tages legt sich schwer atmend auf die Haut; die Hunde tollen nach einem dösigen Tag im Schatten umher und die Zitronenlimonade bringt ein wenig Leben in den eigenen Körper zurück.
Seit Wochen richtet sich Boaz sein eigenes Zimmer ein. Vorher das Kinderzimmer einer der Töchter und nun soll es sein Reich werden. Er ist von einem Flohmarkt zum anderen gefahren; hat Möbel gekauft, transportiert, aufarbeiten lassen und als er es uns zum ersten Mal zeigt, ist klar: Das ist (s)ein deutsches Zimmer: Singer Nähmaschine, Schreibtisch aus massivem Kirchholz aus den 30ern, Lithografie an der Wand, Drehholzstuhl. Und eine Mercedes Elektra Schreibmaschine von 1921. Dazu ein großes Bücherregal, davor ein brokatbestickter Ohrensessel, in dem er sitzt und überglücklich wirkt wie ein Kind. Wie ein deutscher Junge, der bei seinen deutschen Großeltern in Erfurt, Berlin oder Freiburg die Weihnachtstage 1929 verbringt.
Zurück auf der Terrasse reicht Lior, deren Vorfahren italienisch-bulgarischer Abstammung sind, Avocado-Creme, Pita und Aubergine-Salat (hebr.: Chazilim). Die Hunde liegen unter dem Tisch und der Ventilator über der Terrasse surrt wie verrückt.

Demut

Deutschland ist in Israel immer irgendwie dabei: entweder als Erinnerung an das Grauen, als Bewahrung des Andenkens derer, die ihr Leben verloren oder eben in einer Mercedes Elektra Schreibmaschine. Aber auch in Begegnungen mit Menschen wie Boaz und Lior.
Eine der Begegnungen, die viel Demut erfordert, aber auch lehrt.

Wie gut, dass es solche Begegnungen, solche Menschen gibt. Wir brauchen mehr davon.

Euer iLANOT