Es gibt tatsächlich Geschichten, die kann sich niemand ausdenken – die schreibt wirklich nur das Leben. Eine davon ist folgende:

Im Jahr 1987 reisen zwei junge Frauen zum ersten Mal nach Israel. Sie sind Teil einer Gruppe junger Menschen. Die erste Intifada ist gerade „ausgebrochen“. Die eine der jungen Frauen reist aus religiösen Motiven, die andere nicht. Nennen wir sie M und B. Beiden gemein ist, dass sie die deutsche Geschichte mit im Gepäck haben.
Es ist ein Nachtflug, während dessen beide Frauen vor Aufregung nicht schlafen können. Sie reden die ganze Nacht miteinander, M blättert in der Bibel und B fragt die simpelste aller Fragen: „Wenn es einen Gott gibt, wie konnte er Auschwitz zulassen?“
M hat darauf keine Antwort und beide fragen sich insgeheim: Wie wird es sein, dieses Land? Wie werden die Menschen (das Wort Jude wagen sie nicht einmal zu denken) dort aussehen, wie werden sie reagieren – auf sie: die Deutschen?

Heiliger, zionistischer Boden

Am Morgen gegen 3.30 Uhr betreten beide den „heiligen“ und den „zionistischen“ Boden. Beide sind gerührt -M aus dem einen und B aus dem anderen Grund. Ein klapprig alter Flughafen, viel Wellblech, Stückwerk, Palmen und drückende Hitze. Finster dreinblickende Zollbeamte, B hat Angst, dass einer von Ihnen in einem KZ war und sie fragen könnte, was denn ihr Großvater im Krieg gemacht hat.
Bis die Koffer kommen dauert es ewig, einer aus der Gruppe sagt laut: „Bei uns in Deutschland würde das nicht so lange dauern!“. Ein schneller Blick zwischen M und B reicht: in dieser Gruppe sind sie falsch. Nein, andersherum: die Gruppe ist falsch.

Im Bus sitzen sie wieder nebeneinander. Ganz vorne. Durch die Frontscheibe wollen sie alles sehen, aufsaugen. Jeden Stock, jeden Stein; nicht schlafen wie der Rest hinter ihnen. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin – hat schon Fassbender gesagt. Es ist dunkel, sehr dunkel. Die Straßen schlingern sich durch die Landschaft, Schlaglöcher, von der Hitze aufgeplatzter Asphalt. In der Ferne eine Anhäufung von Teelichtern: „Schau mal“, sagt B zu M „da ist Tel Aviv!“

Der Bus kann kaum in die Straße einfahren. Viel zu eng. Bruchbuden, herunter gekommene Häuser, ein Wirr aus Stromkabeln über der Straße. Man könnte sie für Wäscheleinen halten. Die vordere Tür des Busses geht erst auf, nachdem der Fahrer ihr einen Tritt versetzt hat. Draußen bläst die Hitze wie aus einem Heißluftventilator. Der Rest der Gruppe tappt umher, sucht und greift Gepäck und stolpert die Treppe zum Hotel hoch.
M und B warten, bis sich der Pulk aufgelöst hat. Der Bus fährt ab, die Gruppe steht drinnen an der Rezeption. Für M und B ist das ein Moment für die Ewigkeit. Einfach stehen und nichts tun.
Ergriffen. Gerührt. Tel Aviv. Israel.

Oben an der Hoteltür steht ein Mann in Khaki-Shorts und ruft: „Yalla. Kadima, Banot“. Und als seien die Worte, die sie nicht verstehen, Befehl, greifen M und B gleichzeitig nach ihrem Gepäck und gehen die wenigen Stufen hinauf. Oben lacht der Mann, M sieht zuerst seine Zahnlücke und B seine kräftigen Unterarme. Mit dem einen hält er die Tür auf und sagt: „Welcome Girls!“ Dann erst sehen beide die Nummer. Die Nummer, die Nummer, die Nummer …
Da ist es 4.44 Uhr.

Um 5.12 Uhr stehen M und B schon wieder vor der Hoteltür. Sie haben ein Zimmer, das Gepäck dorthin verbracht und wollen raus. Raus in die Stadt, raus in die Luft, raus und Israel entdecken. Nur raus und nur nicht schlafen. Wie die Gruppe.
Draußen steht wieder dieser Mann mit der Zahnlücke und den kräftigen Unterarmen und der Nummer am Arm. Jetzt müssen wir etwas Gas geben (oh, welch unpassendes Wort in dieser Geschichte), sonst dauert das Erzählen viel zu lang.

Der Mann heißt Abraham Raz, schnappt sich diese beiden jungen Frauen in sein Taxi (mit dem er seit 12 Jahren sein Geld verdient) und kutschiert sie kreuz und quer durch Tel Aviv. Er fährt sie auf den kleinen hügeligen Vorort Ramat Gan, damit sie einen Ausblick über Tel Aviv haben – dann zeigt er Ihnen das Rathaus mit seinem großen Vorplatz und zwingt sie freundlich dort auszusteigen und ein Foto zu machen. Dort schauen sie sich die auf dem Kopf stehende Pyramide an, die als Mahnmal für die ermordeten Juden Europas steht. Danach geht es an den Dizengoff-Platz und wieder müssen die jungen Frauen aussteigen und sich vor den Brunnen stellen, aus dessen Fontänen eigentlich abwechselnd Feuer und Wasser speien soll. „Nur heute nicht.“, sagt Abraham* und weiter geht die Fahrt.
Tel Aviv erwacht und kaum kämpft sich die Sonne ans Tageslicht, wird es noch heißer als es eh schon ist. M und B sitzen wie Aliens auf dem Rücksitz und Abraham Raz redet in einer Tour. Englisch. Hebräisch. Jiddisch und Deutsch. Er kann Achtung sagen und Vorwärts, Jetzt und Nein. Das ist sein ganzes Deutsch. Gelernt … Na, wo schon!

Dann plötzlich biegt er ab. In eine winzige Straße. M und B scheuen sich ihre Angst zu zeigen. Wer ist dieser Abraham Raz? Was hat er vor? B denkt doch tatsächlich: Wenn er uns umbringt, ich kann das verstehen. Da ist plötzlich ihre Angst vorbei und Abraham Raz parkt das Auto: „Yalla, Kadima, Banot!“ M und B folgen ihm wie betäubte Lämmer. Ein Stockwerk. Zwei Stockwerke und das dritte Stockwerk. Oben steht eine rundliche Frau an der Tür: „Shalom!“
Die Wohnung ist einfach. Fliesen und unverputzt gestrichene Wände. Ein Ventilator surrt altersschwach und hilft null gegen die Hitze.
Abraham tischt den beiden jungen Frauen alles auf, was sein Kühlschrank hergibt: Kuchen, Eislimonade. „Kaffee, Kaffee!“ schreit er durch die Wohnung und Bella, seine Frau kommt kurz danach mit einem Tablett.

Wer ist dieser Abraham Raz?

Geboren in Rumänien wurde er mit seiner Familie in ein KZ deportiert. Den Namen erwähnt er nie, auch nicht den Namen seiner Eltern und Geschwister, die alle in diesem KZ ums Leben kamen. Er kam 1947 nach Palästina.

„Hier“, erzählt er M und B, „habe ich für einen deutschen Ingenieur gearbeitet.“ Seine Augen strahlen. M und B sitzen wie verschüchterte Tanzschülerinnen auf dem angeschlagenen Sofa. Ingenieur Wagner, den Vornamen hat Abraham vergessen, lacht aber dennoch als er sagt: „Typical German!“ M dreht sich der Magen herum und B will eigentlich raus, nix wie raus und doch gleichzeitig bleiben. Was? Ja was kann 1987 aus dem Munde eines ehemaligen KZ-Insassen eigentlich „typical german“ bedeuten.
Abraham Raz klärt sie auf: diszipliniert, immer pünktlich, streng aber gut, sehr schlau und korrekt.
Dann wühlt Abraham noch in seinen Papieren, zeigt M und B seinen Mitarbeiterausweis der Salzwasseraufbereitungsanlage, unterschrieben von: Ing. W. Wagner und seinen ersten israelischen Personalausweis, unterschrieben am 21.5.1949 mit der Nummer 10201: David Ben Gurion.

12 Jahre später

Ein hektischer Freitagmorgen. Wobei – alle Freitagmorgen sind in Israel hektisch. B trifft eine deutsche Bekannte, die gerade ihr PJ am Tel HaShomer Krankenhaus absolviert, in Tel Aviv.
Seit jener ersten Reise nach Israel und der Begegnung mit Abraham Raz ist B mittlerweile wieder und immer wieder nach Israel gereist.
B und U (U ist die Freundin mit dem PJ) wollen mit dem Bus eine andere Freundin besuchen, eine Israelin, die in Ramat Gan wohnt, doch sie steigen an der falschen Bushaltestelle aus.
Wieder ist es heiß, so wie damals. Aber eigentlich ist es in Israel immer heiß.
Der nächste Bus kommt erst in 30 Minuten. B ist das zu lang. Sie verträgt diese Hitze nicht. „Lass uns ein Taxi nehmen!“ Am Bordstein stehend hält sie Ausschau. Hei, da ist eines, auf der Gegenfahrbahn. Sie winkt und wie in Israel üblich, gibt der Fahrer Lichthupe: Ja, er hat sie gesehen.
B und U sehen wie das Taxi bei nächster Gelegenheit einen U-Turn macht, mit Schwung an sie heranfährt und dann steht. Einsteigen: U vorne und B hinten. Das Sitzleder im Taxi ist von der Hitze schmierig, alle Fenster sind offen auf dem Armaturenbrett dreht ein Ventilator, der nicht mal seinen Namen verdient.
B hört, dass sich U mit dem Fahrer unterhält, versteht aber kein Wort. Dann fällt ihr Blick auf die Taxi-Fahrer-Lizenz, die jeder Taxifahrer in Israel vorne und hinten im Wagen anbringen muss. Erst glaubt sie nicht richtig zu lesen, es ist ja wirklich heiß. Aber sie liest den Namen des Fahrers richtig: Abraham Raz.

Als sei sie ein Alien auf der Rückbank eines Taxis sagt sie: „You are Abraham Raz!“
Und hier, liebe Leser beginnt von vorne, was 1987 schon einmal begann.
Abraham Raz fährt die beiden (nun nicht mehr so jungen Frauen) kreuz und quer durch Tel Aviv. Er kann sich nicht „einkriegen“, er freut sich so, er ist total überwältig und am allermeisten davon, dass B ihm ganz genau erzählt, was damals, 1987, in jenen frühen Morgenstunden passiert. Sie weiß noch jeden Platz wohin er M und B gefahren und kann sich an alles erinnern, was er ihnen erzählt hatte. Sogar an den Namen seiner Frau: Bella.
Und dahin fahren sie nun wieder und Bella begrüßt sie wieder an der Tür: „Shalom!“ Sie trinken Kaffee und essen Kuchen. Und Abraham gibt zu, dass er sich überhaupt nicht mehr erinnern kann an die Begegnung von vor 12 Jahren. Zum Abschied drückt Abraham B und U und sagt, wie dankbar er sei und dass er recht hatte mit den Deutschen – die seien so korrekt.
Als U und B das Haus verlassen, sind sie dagegen sprachlos.

 

* B hat auch nach 55 Israel-Reisen diesen Brunnen weder Feuer noch Wasser speien sehen. Sie sagt: „That´s Israel“.

 

Euer iLANOT