Berlin_Weissensee_EingangWenn Menschen sterben, zeugt für gewöhnlich ihre gegründete Familie, die hinterbliebenen Ehepartner und die gemeinsamen Kinder und Enkelkinder von ihrem Leben. Und taten sie das Vorgenannte nicht, so sind es möglicherweise die Ergebnisse ihrer Arbeit; vielleicht waren sie Forscher, Wissenschaftler oder Künstler; bleibende Zeugen ihrer ehemaligen Existenz. Aber auch der Mann oder die Frau, die still und zurückgezogen, unaufgeregt gelebt haben und demzufolge vom Volksmund als „einfache Menschen“ bezeichnet werden, hinterlassen der Welt ihren Namen: auf einem Grabstein.

Es sind die Friedhöfe dieser Welt, die uns auf uns unbekannte Menschen treffen und beim Vorüberschlendern die Namen lesen lassen. Und obwohl die Namen uns fremd sind und das Leben der Träger ebenso, können uns Gräber einen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählen. Wann und wo sind sie geboren; sind sie früh oder sehr alt verstorben; ist es ein opulentes oder eher ein schlichtes Grab; liegt ein Mensch darin allein oder ist er umgeben von denen, mit denen er sein Leben geteilt hat? Wird das Grab noch gepflegt oder ist es verwittert? Aus welchem Material ist es erbaut: Marmor, Granit oder ein schlichter Stein, auf dem nur ein Name steht. Sonst nichts. Zeugen frische Blumen davon, dass es noch Lebende gibt, die den Verstorbenen nicht vergessen haben oder ist das Grab mit einer nackten Steinplatte abgedeckt. Liegt auf dieser festes Moos oder ein paar Steine? Wirkt das Grab traurig, freudig, schwer oder leicht. Fällt Licht darauf und wirkt der Kies davor auf dem Weg abgetreten oder seit Jahren unberührt?

Ein Grab kann mehreres gleichzeitig sein. Ein Ort der Trauer, ein Ort des Abschieds nehmen, aber auch ein Ort der Zuflucht, der inneren Einkehr und des Dialoges. Ein Ort der Hilfe, um Kraft zu tanken, der tiefen Einsamkeit aber auch der großen Verbundenheit. Was auch immer ein Trauernder benötigt – es kann das Grab sein, an dem er genau das erhält und deshalb weiter leben kann.
Berlin_Weissensee_Friedhof Es gibt Menschen, die an Gräbern lachen, andere weinen, sind still und schweigen, führen Selbstgespräche, beten, einige fluchen auch und schimpfen über ihr eigenes Schicksal und beschimpfen den Toten, dass er sie alleine gelassen hat. Aber eines ist allen gemein – sie haben einen Ort, an dem sie das tun können: am Grab.

Von manchen Menschen bleibt gerade mal nur der Name. Kein Grab, nicht einmal weniger als nur „kein Grab“. Sie haben gelebt, wie Menschen leben und sind dann ihres Lebens beraubt worden. Schlimmer als ihr abrupter, ungerechter Tod aber ist die darauffolgende kolossale Vernichtung ihrer Existenz: erschossen, vergast, zu Tode gequält, verhungert, verdurstet, erfroren – zuvor gefoltert, gedemütigt und zu einer Nummer, einem Objekt, einem namen- und würdelosen Ding gemacht. Irgendwo in Wäldern verscharrt oder als Asche im Sand zerstreut. Die eigentliche Entmenschlichung findet statt, wenn dem Menschen seine Existenz nach seinem Tod genommen, indem nichts bleiben darf, was an ihn erinnert – und sei es (nur) ein Grab mit seinem Namen. Und ob dieses Grab verwittert, aus Granit und einem schönen Blumenbeet oder nur mit einer Steinplatte versehen wurde, ist hierbei völlig egal. Es zählt der Ort, an dem Hinterbliebene trauern oder ein völlig fremder Mensch stehen bleiben kann und den Namen auf dem Grabstein liest. Es ist der Ort, der uns Menschen von der Existenz berichtet – auch wenn der Gelebte dort nicht mehr ist.

Hinter einer Zahl

Sechs Millionen Juden – was für eine Zahl. Sechs Millionen Menschen, die keinen Grabstein erhalten haben. Sie sind einfach weg. Unter ihnen gibt es tausende und abertausende Familien, die vernichtet wurden. Niemand ist übrig geblieben: Vater, Mutter, die Kinder, dazu noch die Großeltern, Cousins, Cousinen, Neffen und Nichten – alle sind umgebracht worden. Niemand kann mehr Zeugnis ablegen, aber auch niemand ist mehr da, der noch vom Zeugnis wissen möchte: Wie hat der Herr Papa gerne sein Frühstück gegessen; hatte der Sohn Plattfüße und wer war eigentlich die beste Freundin der Mutter? Was trug Opa zum Shabbat und was stickte Oma am liebsten? Wo sind die Familiengeschichten hin, das, was man von Generation zu Generation weiter trägt?

Berlin_Weissensee_AuschwitzAnekdoten und Witze, Tragisches und Herzergreifendes. Alles ist in Auschwitz verbrannt worden und es gibt einfach niemanden mehr, der das noch wissen möchte.

Und was ist mit jenen, die überlebt haben? An welche Orte konnten und können sie gehen? Wo können sie trauern, weinen, auch lachen und wütend sein. Wo können sie Abschied nehmen?

Wo sind die Namen geblieben, wo das letzte Zeugnis ihrer Existenz?

Euer iLANOT